Analyseträume

 

Auszugsweise möchte ich an dieser Stelle etwas aus meinem  Buch "Analyseträume" vorstellen. Es handelt sich um Träume, die im Verlauf einer psychoanalytischen Behandlung tatsächlich so geträumt und jeweils aufgeschrieben wurden, um sie nicht gleich wieder zu vergessen, denn es ist eine allgemeine Erfahrung, dass Träume leider entweder gar nicht erinnert werden oder sehr schnell wieder aus dem Gedächtnis entschwunden sind. Man hatte sogar einen Notizblock auf dem Nachttisch liegen, um bei nächtlichem Erwachen etwas soeben Geträumtes gleich festzuhalten, wenigstens in Stichworten. Am nächsten Tag konnte man ergänzend den gesamten Traum notieren. Leider sind die Aufzeichnungen recht rudimentär, denn sie sollten nur dazu dienen, die nächtlichen Vorgänge für die darauffolgende Analysesitzung bereitzustellen, als Erinnerungshilfe. Dass mehr als 30 Jahre später ein Buch daraus werden sollte, war zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht abzusehen. In dem Falle hätte man sicherlich ausführlicher und assoziativ erweitert dokumentiert. Damals war das viele Träumen und Aufschreiben aus einer Not heraus entstanden: Was soll man dreimal die Woche auf der Couch liegend dem Analytiker erzählen, der selbst überwiegend schweigsam hinter einem saß und nur gelegentlich orakelhafte Äußerungen von sich gab? Vergangenes war irgendwann erschöpfend ausgeführt worden, und aktuelle Geschehnisse wurden zwar in aller Breite gewürdigt, boten aber dennoch nicht immer genügend Stoff, um die gefürchteten „Leerzeiten“ zu füllen. Es war demnach die Angst vor dem Schweigen, vor dem Verstummen, die ausreichend dazu motivierte, vermehrt auf das Unbewusste zu lauschen, das sich eben vorwiegend mittels der Träume, in verschlüsselter Form offenbart.

Leider ist nicht mehr in Erinnerung und wurde auch nicht schriftlich fixiert, welchen Initialtraum ich in der Analyse vortrug. Es war mir zum damaligen Zeitpunkt wohl auch noch nicht bekannt, welche besondere, prospektive Bedeutung ein solcher als Erstes in einer psychotherapeutischen Behandlung erzählter Traum besitzt. Oft enthält er in verschlüsselter Form programmatisch den abzusehenden Verlauf der Analyse oder des bevorstehenden Entwicklungsschrittes. Gehen wir deshalb einfach chronologisch vor und beginnen mit dem ersten dokumentierten Traum, der irgendwann in der Anfangsphase der Analyse im Herbst 1980 geträumt worden war. Er handelt von einem Gemeindepfarrer, der während der Jugendzeit eine besondere Rolle als Vorbild und Förderer gespielt hatte, und dessen Haushälterin, die im Traum verstorben ist und in einem seltsamen Begräbnis, ohne „Zeremonie“ bestattet wird. Der Leichnam sieht aus wie eine Puppe. Es stellt sich die Frage, wer die Bestattung vornimmt, also welcher Geistliche.

Folgende Einfälle oder Assoziationen kommen in Frage: Der Pfarrer ist verbunden mit einer Zeit sehr starker religiöser Gefühle, Überzeugungen und einer ausgeprägten Frömmigkeit. Er lebte mit seiner alten Mutter und mit seiner Haushälterin im Pfarrhaus, und man hatte mit beiden Kontakt. Die Haushälterin war eine bescheidene, zurückhaltende Person vom Typus „alte Jungfer“, etwas farblos, verkniffen, verbittert, und sie stand im Schatten des Pfarrers und dessen Mutter. Er wiederum wurde von den beiden Frauen bemuttert und bekocht. Dennoch wurde er als männliche und wohl auch väterliche Person wahrgenommen und ein wenig bewundert, auch wegen seiner recht dynamischen und menschennahen Art. Andererseits fühlte man sich ihm auch ein wenig überlegen, denn die eigene religiöse Ausrichtung war damals noch strenger und asketischer, „heiligmäßiger“ als die seine. Man war sozusagen „päpstlicher als der Papst“. Zwischen den beiden Frauen gab es wohl eine gewisse Rivalität und Spannungen, ähnlich wie zwischen einer Mutter und der Schwiegertochter, wobei es aber keine Anzeichen dafür gab, dass der Pfarrherr ein Verhältnis gehabt hätte mit der Haushälterin. Die war eher wie eine zweite, jüngere Mutter. Es war die Zeit nach Papst Johannes XXIII. und dem 2. Vatikanischen Konzils. In dieser Pfarrei wurden die in kirchlicher und liturgischer Hinsicht „modernen“ Ansätze gelebt, was aber nicht verhinderte, dass in politischer Hinsicht sehr konservative und rechtsgerichtete Tendenzen vorherrschten. Der „Spiegel“ galt als des linken und liberalen Feindes Sprachrohr, und Sonntags wurde die „Bildpost“ verteilt, in ähnlicher Aufmachung wie die „Bildzeitung“, aber als katholisches Kampfblatt konzipiert. Ein Priester und Studienrat, der ab und an der Messe vorstand und gelegentlich auch die Sonntagspredigt übernahm, blieb in Erinnerung als ein politischer „Hardliner“, der vor den Wahlen unverhohlen die CDU als einzig wählbare Partei für den katholischen Kirchgänger empfahl und die Predigt zur Wahlrede umfunktionierte.

Zum Zeitpunkt des Traumes hatte man längst den Glauben und die Frömmigkeit verloren, und so erschien der Traum als Rückgriff auf eine vergangene Entwicklungsstufe in einer Zeit, in der zwar einerseits die Ablösung von den Eltern verstärkt einsetzte, andererseits aber Gott, die katholische Kirche und auch dieser Pfarrer mit seinen zwei Frauen in gewisser Weise als Ersatzfamilie fungierten. Die Haushälterin hat wohl die Rolle eines Schattens und einer mütterlich geprägten Animafigur und wird hier zu Grabe getragen, in etwas würdeloser Art und Weise, wäre doch zu erwarten, dass ihr Chef die Beerdigung angemessen gestaltet, aber dies bleibt offen. Es sind vermutlich Anteile des Selbst, die hier absterben, auch im Zusammenhang mit der Ablösung von den Elternfiguren und von der Kindheit und Jugend, in sonderbarer Weise, ohne großen „Pomp“.  Es scheint insbesondere der weibliche Seelenanteil, also die Anima, der eine endgültige Veränderung zu erfahren hat. Besonders interessant erscheint aber der Umstand, dass der Kadaver wie eine Puppe erscheint. Hier muss man etwas ausholen, um die symbolische und psychologische Bedeutung der Puppe zu verstehen. Der Wortursprung von lat. „pupus“, „das Neugeborene“ erinnert an den Umstand, dass die Puppe, auch von der üblichen Größe her gesehen, ein Baby oder Kleinkind darstellt und bei Mädchen überwiegend zum Mutter-Kind-Spiel verwendet wird. Es gibt natürlich noch ganz andere Puppen, auch in Lebensgröße, etwa Schaufensterpuppen oder Gummipuppen, Sexpuppen, und es gibt Puppen aus ganz unterschiedlichen Stoffen: Stroh, Stoff, Plastik. Es gibt Voodoo-Puppen und Vogelscheuchen, Marionetten und Kasperfiguren. Die Jakuten in Sibirien und die altaischen Tataren haben bei ihren Hundeschlittenfahrten kleine Götzenpuppen als Talisman dabei. In den Schöpfungsmythen findet man generell die Vorstellung, dass der erste Mensch geformt wurde aus Erde, Lehm, Speichel, Blut und Tränen und ihm dann der Odem des Lebens eingehaucht wurde, er also beseelt wurde. Es findet eine Verwandlung statt, eine Metamorphose, ähnlich wie bei Schmetterlingen, wo die Raupe sich zur Larve „verpuppt“ , um sich später als Falter zu „entpuppen“. Die „Puppe“ entspricht dann einem meist fast oder völlig bewegungslosen Übergangsstadium. Der Psychoanalytiker Donald Winnicott bezeichnet die Spielzeugpuppe und ähnliche Dinge als „Übergangsobjekt“, die eine Art Brücke zwischen intrapsychischen und extrapsychischen Vorgängen darstellt. Sie dient als Ersatz für die vorübergehend nicht anwesende Mutter oder Bezugsperson. Die Möglichkeit des Spiels eröffnet andere Wirklichkeiten und belebt die Fantasietätigkeit und Imagination. Im russischen Märchen „Wassilissa“ dient eine Puppe als Hilfs-Ich, von der sterbenden Mutter an die achtjährige Tochter übergeben für den Fall, dass ihr Kummer und Leid widerfahren. Tatsächlich steht die Puppe ihr in allen Nöten bei und begleitet sie auf ihren Wegen. Die Puppe in unserem Traum könnte demnach symbolisch zum Einen für einen Wandlungsprozess stehen, für einen Übergang von einem Lebensstadium zum nächsten. Auch im Märchen beginnt ja für das Mädchen nach dem Tod der Mutter ein neuer Lebensabschnitt, und die Puppe dient als Übergangsobjekt, wobei die Ähnlichkeit mit dem Traumbild verblüffend ist. Ähnlich wie damals im späten Jugendalter war man zum Zeitpunkt der Analyse auch wieder in einer Phase des Umbruchs, der Veränderung und Weiterentwicklung. Im Traum wird wohl der Archetypus der Initiation aktiviert, der jeweils mit einem Übergang zu tun hat, mit einer symbolischen Wiedergeburt. Es werden Ängste freigesetzt sowie Gefühle der Trauer, insbesondere in der Übergangszeit vom Kindsein zum Erwachsenwerden, da es ja immer auch einen Verlust mit sich bringt, eine Entwicklungsphase hinter sich zu lassen, loszulassen. Dies wird durch das Symbol des Todes dargestellt. Und somit ist dieser Traum, auch ohne der Initialtraum zu sein, dennoch von besonderer Bedeutung.

In einem anderen Traum stand ich vor Gericht, mit zwei weiteren Personen. Angeklagt war ich wegen eines Vergehens, das ich gemeinsam mit den beiden Komplizen begangen hatte, angeblich ohne zu wissen, dass die Handlung illegal war. Es kam zu einer Verurteilung und zu einer inneren Auflehnung dagegen, empfand ich mich doch als unschuldig.

Man kann an das Sprichwort denken: „Mitgefangen, mitgehangen.“, aber ums Hängen ging es wohl glücklicherweise nicht, und die Bestrafung bleibt ungewiss. Im Traum wird auch nicht deutlich, was den Beschuldigten überhaupt angelastet wurde, und so kann man nur Vermutungen anstellen. Es geht um Schuld, Unschuld, verlorene Unschuld, um einen Richterspruch, eine Verurteilung und Bestraftwerden. In Anlehnung an Theodor Reik („Geständniszwang und Strafbedürfnis“, 1925) sieht es so aus, dass in uns allen ein Schuldgefühl vorhanden ist, auch ohne irgendeine tatsächliche Straftat. Die „Erbsünde“ bezieht sich zwar auf ein angebliches Vergehen des ersten Menschenpaares, einen Akt des Ungehorsams gegen Gott, wobei dann aber von einer Kollektivschuld ausgegangen wird. Es hat wohl mit dem kollektiven Unbewussten zu tun, und darin sind einige Schuldgefühle enthalten. Denke man nur an den „Feuerraub“, der in der griechischen Mythologie dem Prometheus angelastet wird und der zur Strafe an einen Felsen gekettet und von einem Adler gemartert wurde. Auch bei den Navajo-Indianern ist vom Feuerraub die Rede, wobei es dort ein Kojote war, der von den Göttern das Feuer stahl. Man hatte also ein schlechtes Gewissen, weil man der Natur sozusagen ein Geheimnis, eine besondere Kraft entrissen hatte und sich zu Nutzen machte. Ähnlich können wir uns heutzutage und zu Recht schuldig fühlen wegen des „Raubbaus“ an der Natur, indem wir deren Schätze heben und ohne Rücksicht auf spätere Generationen nicht nur nutzen, sondern auch verschwenden! Es gab und gibt demnach immer etwas, um sich schuldig zu fühlen, und genauso wurde jeder Einzelne schuldig in seiner Kindheit, weil er den Eltern nicht gehorchte und verbotene Dinge tat. Das hört natürlich nach der Kindheit nicht auf: jeder hat gelogen, betrogen, andere verletzt, übervorteilt, hat Verkehrsregeln übertreten, bei der Steuer geschummelt usw. Und dieses „Sammelsurium“ führt zu einem diffusen Schuldgefühl, das zudem durch ein allzu strenges Über-Ich bei Einzelnen verstärkt zu einer Art „Schuldkomplex“ sich ausweiten kann. Dies führt wiederum, nach Theodor Reik, nicht nur zu einem „Geständniszwang“, dass wir also alles Mögliche durch einen unbewussten Drang auf verschiedene Art und Weise „gestehen“, auch durch psychopathologische Symptome oder Fehlhandlungen, sondern ebenfalls zu einem „Strafbedürfnis“, das entweder durch Selbstbestrafung oder die Suche nach Bestrafung von außen befriedigt wird. Wenn man wie ich als unerwünschtes Kind auf die Welt kam, zu einem ungelegenen, ungünstigen Zeitpunkt, und zumindest teilweise den Eindruck gewann, eher eine Belastung zu sein für die Familienangehörigen, dann kann man leicht verstehen, dass sogar das Dasein an sich mit Schuldgefühlen verbunden ist, stellt man doch in einem gewissen Sinn eine Zumutung dar für die anderen und muss sich große Mühe geben, die eigene Existenz zu rechtfertigen und angenommen zu werden. Im Traum bin ich nicht allein, sondern auch in einem wenn auch kleinen Kollektiv, wobei die Drei eine besondere Bedeutung hat als eine Ganzheit („Dreieinigkeit“), hier passend wohl als die Gesamtheit des Seelenlebens, mit Ich, Es und Über-Ich. Diese drei „Instanzen“ findet man vor Gericht nochmals wieder im Richter als Repräsentant des Ichs, in der Staatsanwaltschaft als Verkörperung des Über-Ichs und in der Verteidigung  als Vertretung des Es. Dass ich überhaupt vor Gericht stehe im Traum wäre demnach als Folge des unbewussten und diffusen Schuldgefühls und des daraus sich ergebenden Bestrafungsbedürfnisses zu verstehen. Ein Teil von mir pocht zwar auf Unschuld und ist revoltiert, aber es gilt das andere Sprichwort: „ignorantia legis non excusat“, auf deutsch: „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“. Es nützt mir also leider nichts, dass ich angeblich nichts wusste von der Illegalität oder Strafbarkeit meines Tuns! Man kann hier auch noch an ein weiteres Sprichwort denken: „Coram iudice et in alto mari sumus in manu Dei“, auf deutsch: „Vor dem Richter und auf hoher See sind wir in Gottes Hand.“ Oder in einer anderen Version: „Vor dem Richter und auf hoher See sind wir allein in Gottes Hand“. Statt „Vor dem Richter“ heißt es oft „Vor dem Gericht“. Es geht demnach auch um ein Gefühl des Ausgeliefertseins, ähnlich wie den Naturgewalten gegenüber, denn die Hoffnung, „Gerechtigkeit“ zu finden vor Gericht, ist bekanntlich illusorisch. Es gehört ebenfalls eine Portion Glück dazu und vor allem genügend Geld, um möglicherweise den Gang durch die Instanzen einschlagen zu können. Im Falle einer Verurteilung kann man sich folglich schon dagegen auflehnen, nicht nur innerlich, sondern durch geeignete Rechtsmittel. Aber davon ist im Traum ja nicht die Rede. Die Geschichte erinnert übrigens an die Erzählung von Franz Kafka „Der Prozess“ (1925), wo auch überhaupt nicht klar wird, was dem beschuldigten Prokuristen Josef K. überhaupt zur Last gelegt wird. Die Dreiheit der Beschuldigten mag auch eine zeitliche Dimension enthalten, wenn man an die Schicksalsgöttinnen denkt oder an die dreigesichtige Hekate, wobei einmal die Mondphasen gemeint sein können, aber auch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, also das gesamte Leben, das hier vor Gericht steht und an ein vorverlegtes Jüngstes Gericht denken lässt. Schicksal, nimm deinen Lauf!

Passend hierzu ist ein weiterer Traum, der allerdings erst ein Jahr später erfolgte, und ich will deshalb das chronologische Vorgehen ausnahmsweise an dieser Stelle aufgeben. Hier bin ich nämlich im Gefängnis und probe den Ausbruch. Die Verurteilung wäre demnach rechtskräftig geworden, und ich wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, versuche jetzt aber abzuhauen, was mir auch gelingt durch die Mithilfe zweier Wärter, die mir die Schlüssel geben. Unterwegs sind Jungen zu sehen und ein Hund. Ich muss klettern, um eine Barriere zu überwinden und ein Gewässer zu durchqueren. Dabei sehe ich ein Kind, das auf dem Rücken schwimmt und das ein anderes, kleineres Kind festhält, das nicht schwimmen kann. Ich tausche mich diesbezüglich mit den Wärtern aus, die OK signalisieren. Im weiteren Verlauf treffe ich den Bruder eines Freundes und bemerke, dass die beiden sich wenig ähneln. Haben sie womöglich zwei verschiedene Väter? Er lädt mich ein, ihn im Gefängnis zu besuchen, um Tests zu machen. Es kommt stattdessen aber zu „sexuellen Spielen“.

Die innere „Revolte“ hat also dazu geführt, dass der Bestrafung ein Ende gesetzt werden soll durch einen Ausbruch in die Freiheit. Ich bin nicht auf mich allein gestellt, sondern habe die Komplizenschaft zweier Wärter, die mir mittels der Schlüssel das Öffnen der Gefängnistore ermöglichen. Es gibt aber dennoch einige Hürden zu überwinden; und zwar eine Art Mauer und einen Wassergraben, den es zu durchschwimmen gilt. Dabei begegne ich zwei Kindern, wobei das größere Kind ein kleineres durchs Wasser zieht, möglicherweise sogar rettet, da es nicht schwimmen kann. Später gibt es noch eine Umkehr der Verhältnisse: Nicht ich bin im Gefängnis, sondern ein anderer, den ich besuchen soll, um Tests zu machen, also als Psychologe, aber es kommt zu „sexuellen Spielen“. Es geht folglich um Homosexualität. Das Ganze hat natürlich erneut mit Schuldgefühlen und einem Strafbedürfnis zu tun, aus welchen Gründen auch immer, wobei es hier aber gleichzeitig um einen Befreiungs- und Ausbruchsversuch geht. Befreiung von diesem Schuldbewusstsein und Selbst- oder Fremdbestrafungswünschen, aber auch Befreiung von einer Einengung der Existenz oder des Selbst, wobei das eine das andere nicht ausschließt. Es entspräche also dem Wunsch, aus sich herauszugehen und „freier“, autonomer zu werden, im Sinne der Individuation und Weiterentwicklung. Die beiden Wärter kann man entsprechend als helfende Selbstanteile ansehen, und die Schlüssel symbolisieren die seelischen Kräfte und Hilfsmittel, die diesen Weg ermöglichen. Man kann an den Mithraskult denken und den „Schlüsselkönig“ Aion, der mit gekreuzten Armen und in den Händen jeweils einen Schlüssel haltend dargestellt wird. C. G. Jung wies darauf hin, dass es sich um die Schlüssel zur Unterwelt handelt, im übertragenen Sinn also zum Unbewussten, zu Licht und Dunkelheit, zu Vergangenheit und Zukunft. Auch der Apostel Petrus wird als Schlüsselträger dargestellt, und bei ihm symbolisiert der Schlüssel die Vermittlerrolle zwischen Erde und Himmel, zwischen den Menschen und Gott, also die transzendente Funktion. Der „Hierophant“, der an der Spitze der Priester im Tempel der Demeter in Eleusis stand, galt als der „Eröffner der Heiligtümer“ oder „Enthüller der heiligen Geheimnisse“ und wird teilweise mit einem oder zwei großen Schlüsseln dargestellt, zum Beispiel auf Tarot-Karten. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Eleusinischen Mysterien ursprünglich mit dem „Großen Weiblichen“ verbunden waren und insbesondere mit der wieder hergestellten Einheit (Wiederverbindung) zwischen Mutter und Tochter (Demeter und Kore-Persephone). So besitzen die ägyptische Bastet und die griechische Hekate den Schlüssel der Fruchtbarkeitsgöttinnen zum Tor des Schoßes, zur Unterwelt, zu Tod und Wiedergeburt. Dass die Männer durch diese matriarchal geprägten Mysterien ebenfalls ergriffen wurden und diese letztendlich „usurpierten“, erklärt Erich Neumann („Die Große Mutter“ 1974) damit, dass sie dabei mit ihrer eigenen weiblichen Seite konfrontiert wurden und sich mit dem „Göttlichen Kind“ der Muttergöttin identifizieren konnten. In diesem Zusammenhang muss man gleichfalls die (nicht nur) im antiken Griechenland verbreitete Knabenliebe und das Tragen von Frauenkleidern der an verschiedenen Festen teilnehmenden Männer sehen. Auch in der Alchemie spielen Schlüssel eine Rolle. Sie symbolisieren die „Imaginatio“ und öffnen die Tür zum Geheimnis des „Opus“, des alchemischen Werkes. Schlüssel dienen auf jeden Fall dazu, Tore und Türen zu öffnen und den Zugang zu anderen Räumen zu ermöglichen. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass der Schlüssel auch eine Rolle spielt in der Offenbarung des Johannes, wo ein Engel mit Schlüssel zum Abgrund der Hölle (auch vom Brunnen zum Abgrund ist die Rede) in der einen Hand und großer Kette in der andern vorkommt. Es geht um den Drachen, der für 1000 Jahre eingesperrt bleiben soll. Im Traum geht es darum, herauszukommen aus der Unfreiheit und der Abhängigkeit, und insofern könnte das Gefängnis auch den Mutterschoß symbolisieren, und zwar dessen einengenden und festhaltenden Elementar-Charakter. Die zwei Wärter bilden mit mir eine Dreiheit und symbolisieren das männliche Selbst. Möglicherweise versteckt dahinter auch der Psychoanalytiker, als „Seelenführer“ und Befreier, als „Mana-Persönlichkeit“. Die Jungen im Gefängnis und die Kinder im Wassergraben sind ungewöhnlich und passen eigentlich nicht hierher. Sie könnten das eigene Selbst darstellen, in einer früheren Entwicklungsphase, und darauf hinweisen, dass man schon zu dieser Zeit einmal im Gefängnis war, also eingeschlossen, unfrei, in sich zurückgezogen. Jetzt ist aber endgültig der Zeitpunkt der Selbstbefreiung gekommen. Es gibt sogar ein ganz kleines Kind, das schutzbedürftig ist und noch nicht schwimmen kann, das möglicherweise gerettet werden muss. Ist es das „innere Kind“, das hier dargestellt wird, das ebenfalls befreit und in eine bessere Zukunft geführt werden soll? Der Hund ist offenbar ein Wachhund, verhält sich aber im Traum neutral, lässt mich ohne weiteres passieren, vermutlich wegen der Wärter, denen er gehorcht. Vielleicht repräsentiert er männlich-aggressive Anteile, die beim Ausbruch gefragt sind, und somit eine Art hilfreiche und energiespendende Ermutigung und Begegnung. In der Mythologie steht der Hund in Verbindung mit Opferhandlungen, etwa beim mithraischen Stieropfer, aber ein Hund ist auch der Begleiter des Heilgottes Asklepios oder wie die Unterweltschlange Hüter des Schatzes. Der „innere Hund“ (wobei nicht der „Schweinehund“ gemeint ist) kann zudem als Seelenführer, als Psychopompos dienen, der uns den Weg zur inneren Welt zeigt. Im Traum ist er auch Begleiter eines Übergangs, einer Wandlung und Ablösung, raus aus der Abhängigkeit in die Eigenständigkeit. Der dunklere Aspekt es Hundes wird in einem anderen Traum behandelt.

Das Gefängnis und der Ausbruch findet sich in vielen Geschichten und Filmen, auch bei politischen Heldenfiguren wie etwa Nelson Mandela, der wegen seiner Gesinnung und seines Freiheitskampfes einen großen Teil des Lebens hinter Gittern verbringen muss, später aber rehabilitiert, Friedensnobelpreisträger und Präsident seines Landes wird. Man kann dies als einen Archetypus ansehen, Ausdruck der Sehnsucht nach Befreiung, nach Autonomie, aber auch im Zusammenhang mit der Bereitschaft, für seine Überzeugungen einzustehen, selbst wenn es mit einer Bestrafung und dem Eingesperrtwerden endet. Es besteht somit eine Verbindung zum Heldenarchetypus, da der Held immer eine Reihe von Prüfungen und Kämpfen zu bestehen hat und auch einmal bestraft wird wegen irgendeines Vergehens. Er muss zudem die „Nekyia“, die „Katabasis“, also die Reise in die Unterwelt wagen und den Kampf mit dem Ungeheuer, um den Schatz zu heben, oder er muss sich auf die „Nachtmeerfahrt“ begeben, vom Dunkel des Sonnenuntergangs im Westen bis zum Neubeginn und dem Sonnenaufgang im Osten. Die Unterwelt und die Nacht symbolisieren das Unbewusste, und die Abenteuer und Kämpfe des Helden bestehen vor allem darin, sich mit den Inhalten des Unbewussten auseinander zu setzen und sie in das Bewusstsein zu integrieren, um so auf dem Weg der Individuation voranzuschreiten, zu reifen und sich weiterzuentwickeln. Die Gefangenschaft gehört wie der Verlust der Haare und die Blendung (Ödipus, Simson, Horus) symbolisch zur „oberen Kastration“ und hat mit dem „oberen Männlichen“ zu tun. Sie ist meist nichts Endgültiges, sondern endet wie im Traum mit der Befreiung und dem Sieg!

Im zweiten Teil des Traumes findet eine Umkehr statt. Ich bin nicht mehr im Gefängnis und offenbar auch kein entflohener Sträfling, denn sonst könnte ich nicht den Bruder des Freundes besuchen. Auf der Objektstufe betrachtet könnte man sich überlegen, ob der Bruder nicht in Wirklichkeit den Freund selbst darstellt, dem gegenüber man zumindest unbewusst auch feindselige Gefühle hegt und dem man eine Bestrafung wünscht. Man wäre so ja auch in der überlegenen Position, käme als Psychologe zum Testen, Begutachten und hätte dann auch noch Sex mit ihm, der sich jetzt in einer abhängigen Lage befände, was sich „in Freiheit“ wohl nicht so einfach bewerkstelligen ließe. Die Gedanken über die Abstammung der beiden, also ob sie möglicherweise zwei verschiedene Väter haben könnten, hat vielleicht mit den Fragen hinsichtlich der eigenen Herkunft zu tun. Man war ja selbst unehelich geboren worden und lernte den leiblichen Vater gar nicht kennen, hatte aber später einen Stiefvater. Anfangs war noch der Großvater mütterlicherseits als Ersatzvater aufgetreten. Es gab demnach schon eine erhebliche Verwirrung im Hinblick auf diese Problematik, was zweifellos nicht unerhebliche Auswirkungen auf die Identitätsfindung hatte. Auf der Subjektstufe wäre die Person im Gefängnis als Anteil des eigenen Selbst zu sehen, der sozusagen zurückgeblieben ist im Zustand der Unfreiheit und des Eingesperrtseins, den man jetzt nochmals aufsucht, um ihn zu testen und zu begutachten. Er hat offenbar mit triebhaften, sexuellen Dingen zu tun, die so noch besser unter Kontrolle zu halten wären und die noch nicht ausreichend integriert sind.

 

 

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